Heilige Momente der Ehrfurcht und Dankbarkeit

Beim Blättern durch alte Urlaubsbilder und dem Schwelgen in Sehnsucht nach den Bergen, bin ich an diesem Bild hängengeblieben. Es mag ein wenig theatralisch wirken, aber für mich ist es ein ganz besonderer Moment, der da eingefangen wurde. Es wurde auf dem Gipfel des Jochbergs über dem Walchensee aufgenommen und ich komme grade aus den Wolken zurück, wo ich ein kleines Dankes-Ritual an den Berg und Mutter Natur abgehalten habe.

Bei den naturverbundenen Völkern dieser Erde war bzw. ist das nichts außergewöhnliches. Schamanen auf aller Welt praktizieren solche Rituale um den Naturgeistern, Mutter Erde und Gott – egal welche Bezeichnung sie dafür haben mögen – Respekt und Dankbarkeit zu zollen und um Schutz auf der weiteren Reise zu bitten. Wir mögen dabei vielleicht automatisch an die nordamerikanischen Indianer denken oder an mongolische Nomadenstämme, aber wir müssen gar nicht so weit weg – nur ein bisschen zurück in der Zeit. Unsere keltischen Vorfahren und ihre Druiden zelebrierten dies ebenso, wie nach der Christianisierung ein Gebet zum Herrgott nicht unüblich war.

Mittlerweile hat Hightech diese Bräuche verdrängt. Die neusten, schicksten Wanderstiefel, vollsynthetische, atmungsaktive Funktionskleidung und die aktuellsten Apps auf dem Smartphone, versetzen uns in den Glauben und die Stimmung, alles erreichen zu können und unbesiegbar zu sein. Wir „bezwingen“ Gipfel, „schlagen“ Rekorde. Der übliche Sprachgebrauch suggeriert schon, dass wir eigentlich gar nicht mehr im Einklang mit der Natur gehen wollen, sondern sie besiegen.

Wenn wir aber in die Natur eintauchen wollen, wieder Spüren und Fühlen, uns ihr anpassen in Rhythmus und Geschwindigkeit, dann sollten wir uns nicht über sie stellen. Achtsamkeit, Respekt und Dankbarkeit sind hervoragende Gesten, uns vor Mutter Erde zu verneigen und unsere alte Verbindung zu ihr wieder zu stärken.

Dabei geht es nicht darum, riesige, minutiös geplante Zeremonien abzufeieren. Nein, die Natur liebt das Einfache, das Ehrliche! Ein Moment des Innehaltens, ein kleines Gebet, ein Satz der Dankbarkeit, vielleicht ein kleines Geschenk wie einen schönen Stein, Getreide, Tabak, eine Feder – das ist vollkommen ausreichend. Die Geste und die Aufrichtigkeit sind ausschlaggebend und Sie werden sehen, dass sich dadurch die Qualität Ihrer Wanderung erheblich verändert.

So habe ich mich z.B. auf dem Jochberg-Gipfel in die über mich hinweg rollenden Wolken gekniet, bei Berg und Natur mit all ihren Wesenheiten für den wunderschönen Aufstieg, den beieindruckenden Ausblick bedankt und um Schutz und Beistand für den Rückweg gebeten. In einer kleinen Felsniesche hinterließ ich etwas Tabak und einen schönen Isar-Kiesel, um die spirituelle und die materielle Ebene zu verbinden. Dies alles geschah in ehrlicher Dankbarkeit und tiefer Ehrfurcht, eine Stimmung in die mich das Gipfelpanorama sowieso ganz automatisch versetzt hat.

Und was soll ich sagen, eben an diesem Tag, als wir nach etwa einstündigem Abstieg im dichten Wald auf ein Almwiese traten, standen wir direkt vor einer mächtigen Gewitterfront, die uns den Rest des Weges ins Tal vor sich her trieb – als höchster Punkt auf einsamen Weg. Erst als wir in unserer sicheren Ferienwohnung ankamen und das Gewitter nur gefühlte Sekunden später mit voller Wucht über uns hereinbrach, wurde uns bewusst, wie knapp das eigentlich war. Vielleicht hat uns ja eben dieses kleine Ritual die rettenden Minuten geschenkt?

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