Jetzt wollen die mir auch noch mein Fleisch wegnehmen…

Ein Aufschrei geht durch die Nation: hat nicht nur die böse, böse WHO verarbeitetes Fleisch als krebsfördernd eingestuft, nun soll auch noch Glyphosat die guten Discounter-Brötchen verseuchen. Doch im Grunde gehts doch nicht um Produkte – es geht um unseren gesamten Lebensstil, der krank macht. Es geht um dringend nötige Veränderung.

Wer sich ernsthaft mit Ernährung auseinandersetzt, der war keineswegs überrascht von der Nachricht, die zumindest in den Sozialen Netzwerken einschlug wie eine Bombe. Es schlicht und ergreifend eine unbequeme Wahrheit, die uns da ins Gesicht geschleudert wurde. Studien über den Zusammenhang von übermäßigem Konsum von Fleisch- und Milchprodukten und Krebs, gibt es seit den 80er Jahren. Ebenso steht das Pestizid Glyphosat, dass sich auf den meisten deutschen Äckern finden dürfte, schon lange im Ruf, krebserregend zu sein. Nun könnte man sich darüber aufregen, was Lobbyisten für einen Einfluss auf unsere Politiker haben, oder dass der sonst so behäbige Deutsche ziemlich schnell auf die Barrikaden springt, wenn’s an seine “Grundrechte” auf Bier, Schnitzel und Komasauf-kompatible Großveranstaltungen geht…

Dieser Schritt der WHO ist keine Willkür gegen den kleinen Mann, es ist ein Schritt voran – wenn auch ein unbequemer. Und es ist ein Sieg der Wahrheit, der Realität. Eine der Qualitäten unserer Zeit ist, dass die alten Konstrukte der Lügen, der Angst und der Gier zusammenbrechen. Veränderung steht an. Und das wird auch jeden einzelnen von uns betreffen, wir können uns davor nicht länger verstecken.

Fakt ist, dass wir komplett jeglichen Bezug zu unseren Nahrungsmitteln, zu dem was uns nährt, verloren haben. Wir haben keine Vorstellung, wo die lecker gewürzten und schick verpackten “Fleischprodukte” im Kühlregal herkommen – und wir wollen das auch gar nicht. Die Realität, das Leid und Elend in den Massentierhaltungen, das blenden wir aus. Ebenso die Tatsache, dass kein Bauer mehr Milch zu den Supermarkt-üblichen Preisen produzieren kann. Das Bild der glücklichen Kuh auf der Weide existiert nur noch in der Werbung. Das ist Fakt.

Dieser industrielle Leistungs- und Profitwahn, der die Produzenten unserer Grundnahrungsmittel im Griff hat, ist an einem Punkt angelangt, an dem kein Spielraum mehr bleibt. Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger vernichten unseren Boden und verseuchen unser Trinkwasser. Das Bienen- und Artensterben hat sich noch gut ausblenden lassen, doch langsam schließt sich er Kreislauf – dem auch wir angehören.

Wie ist das möglich, dass wir uns dessen nicht bewusst sind? Sind wir wirklich so dumm? Ich würde ehr sagen, wir sind über Generationen zu perfekten Konsumenten erzogen worden. Wenn immer alles verfügbar ist, beginnt man sich zurück zu lehnen. Die Folge ist, dass viele Kinder nicht mehr Gurke von Zucchini unterscheiden können, geschweige denn “Respekt” vor dem haben, was auf unseren Tellern landet. Die Folge ist, dass Bio-Kartoffeln in der Wüste angebaut werden und dann um die halbe Welt geschippert werden, während unsere Bauern auf den ihrigen sitzenbleiben. Die Folge ist, dass gut 40% der geschlachteten Tiere auf dem Müll landen – also ein kurzes, qualvolles Leben für die Tonne gelitten haben.

Es geht also nicht darum, dass uns irgendjemand irgendwas wegnehmen will. Es geht darum, dass wir uns wieder dem Wert der Dinge bewusst werden dürfen. Es geht darum, dass wir unsere Nahrung wieder mit Respekt behandeln. Es geht darum, dass wir etwas verändern sollten.

Die Industrie hat diesen Wertewandel schon lang für sich genutzt – nicht umsonst setzt die Fleischindustrie auf den fleischlosen Trend und füllt die Regale mit vegetarischen und veganen Alternativen. Doch diese Veränderung ändert rein gar nichts an der Situation in der Landwirtschaft, es ist einfach nur ein weiterer Versuch uns Verbraucher einzulullen und krampfhaft am alten System fest zu halten.

Veränderung bedeutet nicht, zum Veganer zu werden. Veränderung bedeutet, nicht unüberlegt jeden billigen Scheiß zu kaufen. Veränderung bedeutet, die kleinen Bauern vor Ort zu unterstützen, die Handwerksbetriebe, die achtsam, nachhaltig und fair produzieren. Veränderung bedeutet, auch mal wieder selber Gemüse anzubauen. Veränderung bedeutet Lebensraum für Bienen, Insekten und andere Kleintiere zu schaffen. Veränderung fängt bei uns selbst an, auf die Industrie, Politik oder andere zu schieben verändert rein gar nichts. Veränderung muss auch nicht immer radikal sein, sondern darf sich Schritt für Schritt vollziehen. Heute ein bisschen hier, morgen ein wenig da – jeder so gut er eben kann. Das Wichtige an der Veränderung ist der Anfang.

Vielleicht bedeutet Veränderung auch, auf den ein oder anderen unnötigen Kram zu verzichten. Aber dafür sind wir für unsere Ur-Enkel und Ur-Ur-Enkel dann vielleicht nicht mehr die Generation, die tatenlos zugeschaut hat, wie alles den Bach runter ging, sondern die, denen man die Innovationen des 21. Jahrhunderts und die Wiedergeburt der Menschlichkeit verdankt?

Schlagwörter: , ,

1 Comment

  • uli on 9. November 2015

    hallo holger!

    schön hast du’s hier – gefällt mir sehr gut. leider bin ich ein wenig zu weit weg, um an deinen veranstaltungen teilzunehmen 🙁

    grüß’ mir deine gattin 😉 wir schaffen’s leider nie ein treffen auszumachen 🙁

    lg aus tirol
    uli

Leave a Reply

Newsletter abonnieren (Jederzeit wieder abbestellbar)

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen