Paris – und dann?

Ein offener Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Mitglieder von Regierung und Bundestag.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
verehrte Minister und Abgeordnete des Bundestages,

die schrecklichen Ereignisse des 13. Novembers in Paris haben uns all zutiefst erschüttert. Der Krieg, der seit langem im Nahen Osten wütet, wurde nun ganz offen zu uns getragen und hat ganz Europa in einen Schockzustand geworfen, in ein Klima der Angst. Das war das Ziel der Terroristen: Angst.

Bitte lassen Sie nicht zu, dass diese Angst zum Antrieb für all das wird, was nun folgen soll! Denn damit geben Sie dem Terror genau das, was er erreichen zu versucht. Lassen Sie sich nicht zu blindem Aktionismus hinreißen und Kriegserklärungen aussprechen, Mauern und Zäune errichten – und was alles nun noch gefordert werden mag. Bitte gehen Sie mit Bedacht vor – und mit dem Herzen. Sie, verehrte Frau Bundeskanzlerin, haben in der Flüchtlingsfrage schon einmal bewiesen, dass Sie dazu in der Lage sind. Sie schaffen das, Frau Merkel.

Wir haben  nun einen winzig kleinen Vorgeschmack davon bekommen, wie es tagtäglich sein muss, in einem der Länder zu leben, aus denen all die Flüchtlinge zu uns strömen. Das sollte unsere Motivation sein, uns dem zu stellen. Mauern und Zäune zu bauen, das kann nicht die Lösung sein – und das müssten Sie doch am besten wissen. Ich möchte nicht, dass mein kleiner Sohn in einem Land aufwächst, das von Angst regiert und sich mit Zäunen vor dem Elend dieser Welt schützen muss.

Versuchen wir stattdessen doch lieber die Ursachen zu bekämpfen – so wie das ja auch viele ihrer Kollegen tönen. Ein erster Schritt wäre, aufzuhören Waffen und Munition zu liefern. Ein weiterer, nicht mehr tatenlos dabei zuzuschauen, wenn Länder wie die USA ihren beispiellosen Rachefeldzug und Kriege auf dem Rücken Unschuldiger führen. Die Geschichte unseres Landes hat uns doch die Konsequenzen gelehrt.

Lassen Sie bitte nicht zu, dass der 13.11. eine Art europäischer 9/11 wird. Die Amerikaner haben damals mit Notstandsgesetzen und Kriegserklärungen reagiert. Statt die Angst zu bekämpfen haben sie die Angst manifestiert. Die Kriege dieser Welt sind die Folge des amerikanischen Aktionismus auf 9/11 – und somit letztlich auch die Anschläge von Paris. Lassen Sie bitte nicht zu, dass nun auch wir diese Spirale weiter voran schrauben. Die Folge kann nur weiteres Leid, weitere Tote, weitere Krieg und noch mehr Elend sein.

Bitte suchen Sie nach Wegen, diese Spirale der Angst und der Gewalt zu durchbrechen. Wir sind lange genug dem anderen Weg gefolgt, er hat nichts verändert. Einzig logische Konsequenz kann doch nur sein, es mit einer neuen Richtung zu wagen. Das wird sicher nicht der billigste oder der einfachste Weg sein. Dies wird auch nicht der Weg des geringsten Widerstands sein. Aber es ist der einzige Weg, diesen Wahnsinn zu durchbrechen und etwas zu verändern. Das ist der einzige Weg, um unseren Kindern eine Welt der Freiheit und der Liebe zu hinterlassen. Und das sollte uns die Mühen wert sein.

Der „alte“ Weg der Restriktion, der Sanktionen und der Angst ist eine Sackgasse. Neue Waffen sichern keinen Frieden, höhere Mauern schützen keine Freiheit. Liebe muss die Antwort auf die schrecklichen Dinge sein, die in der Welt passieren. Denn letztlich ist Angst der Nährboden für politischen Extremismus und religiösen Fanatismus. Wir sollten uns darauf konzentrieren, den ideologischen Menschenfängern diesen Nährboden zu entziehen. Kinder, die geliebt werden, kommen nicht auf die Idee, sich Sprengstoffgürtel umzuschnallen. Menschen, die Vertrauen und Respekt erfahren, zünden keine Flüchtlingsheime an. Wir brauchen keine Radikalisierung der Mitte, wir brauchen eine Radikalisierung der Liebe.

Darum bitte ich Sie als Bürger, als Vater und als jemand, der sich eine Zukunft wünscht: setzten Sie Signale und beschreiten Sie neue Wege. Lassen Sie Menschlichkeit und Liebe regieren, nicht Angst und Wut.

Hochachtungsvoll,
Holger Schramm

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