Vom Jakobsweg auf die Autobahn

Haben Sie sich schon einmal Gedanken gemacht, mit welcher Geschwindigkeit wir eigentlich durch unser Leben rasen? Unser Alltag ist so schnell geworden, wir bewegen uns so schnell – und nehmen das gar nicht mehr bewusst wahr. Mir wurde diese Geschwindkeit auf einer mehrtägigen Tour auf dem fränkischen Jakobsweg im Fichtelgebirge schockartig bewusst.

Wir waren zu Zweit über insgesamt 3 Tage auf der wunderschönen Strecke zwischen Marienweiher und Creussen unterwegs. Um möglichst frei zu sein, hatten wir keine bestimmten Etappen geplant, sondern beschlossen einfach loszulaufen und dort zu übernachten, wo es uns gefällt – entweder in Pensionen oder unter freiem Himmel.

Waren die ersten Kilometer noch von den Themen und dem Stress des Alltags geprägt, kamen wir mehr und mehr bei uns an. Die Gesprächsthemen veränderten sich allmählich – von Beziehungsdramen und beruflichem Ärger hin zu den schönen Aussichtspunkten, den zauberhaften Stellen an denen wir Rast machten und verstummten größtenteils ganz.

Zufrieden und entspannt folgten wir dem Weg und öffneten uns den großen und kleinen Wundern entlang des Weges: bizarre Felsformationen, schöne alte Bäume oder kleine Käfer die vor uns über die Steine huschten. Wir liesen uns ein, wurden eins mit der Natur und unserer Umgebung – wir liefen in unserer Geschwindigkeit, die nicht von Uhr, Wanderführer oder Hotelreservierung bestimmt wurde, sondern von unserem Gefühl, unserem Herz und unserer Seele.

Nach 3 Tagen waren wir tiefenentspannt und hatten absolut unsere Mitte gefunden. Doch am Abend erfolgte die Heimfahrt. Eine Freundin nahm uns mit und wir fuhren die Strecke der letzten Tage zurück zu unserem Ausgangspunkt. Ich war regelrecht erschüttert von der Geschwindigkeit, von dem Lärm. Binnen Minuten passierten wir die Punkte, die wir in Tagen abgelaufen waren. Sie rauschte an uns vorbei, so schnell, dass mir richtig übel wurde. Schlimmer noch, waren diese Highlights unserer Tour zu Fuß gewaltig, waren sie vom Auto aus nur kleine Randerscheinungen die vorbei huschten…

So musste ich mich weniger von den Anstrengungen und Belastungen erholen, die knapp 100 km Fußmarsch bei mir hinterließen, sondern eher vom Schock, den die Rückkehr in die Zivilisation bei mir auslöste.

Unsere Vorfahren hatten vielleicht doch ein bisschen recht, mit ihrer Angst vor der Geschwindigkeit der ersten Züge und Autos? Vielleicht ist der Mensch dieser Geschwindigkeit doch nicht gewachsen? Nur wir fallen nicht einfach tot um, sondern werden langsam durch sie „vergiftet“? Lassen wir doch öfter mal die Geschwindkeit zu, die unser Herz und unsere Seele verlangen, nicht die, die uns von „außen“ auferlegt wird. Wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn wir die Dinge langsam angehen, achtsam, denn die Qualität wird daran wachsen.

No Comments

Leave a Reply

Newsletter abonnieren (Jederzeit wieder abbestellbar)

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen