Von der Entdeckung der Langsamkeit…

Schneller, schneller, schneller… Geschwindigkeit ist Trumpf – in Beruf, beim Sport, sogar bei banalen Freizeitaktivitäten scheint es immer nur darum zu gehen, wer erster ist. Doch was ist der Maßstab für Geschwindigkeit? Wer gibt den Takt, den Rhythmus vor? Ist unsere Geschwindigkeit vielleicht sogar Ursprung von Stress und Krankheiten? Und wie können wir langsamer werden, ruhiger?

Ich werde oft von meinen Mitmenschen darauf hingewiesen, dass ich eine gewisse Ruhe ausstrahlen würde, man sich in meiner Gegenwart automatisch entspannt. Ich selber tue mir schwer das zu beurteilen, da es in mir drin oft ganz anders ausschaut. Was ich allerdings bemerke, ist eine gewisse Langsamkeit – naja, eigentlich wäre mir der Begriff „Achtsamkeit“ lieber – für die ich in meinem Leben Platz geschaffen habe. Das fällt mir in der Regel erst auf, wenn ich mit anderen unterwegs bin oder arbeite. Dann habe ich das Gefühl, dass sie wesentlich schneller gehen als ich, regelrecht hetzen, oder eben hektischer arbeiten.

In jungen Jahren war diese „Live fast, die young“-Philosphie auch teil meiner Lebenseinstellung. Schnell leben hieße „intensiv“ leben. Doch mittlerweile hat sich das geändert. Ich bin überzeugt, dass das langsamere, bewusstere Leben das intensivere ist. Auch wenn uns Marketing- und Lifestyle-Leute da was anderes erzählen wollen. Langsam geht gar nicht, ist ein komplett negativ behaftetes Wort in unserer Gesellschaft. Aber vielleicht ist der Maßstab für die Geschwindigkeit unseres Lebens eine ganz individuelle Sache?

Ein Baum, ein Stein, sind das tote „Dinge“ oder haben sie einfach nur einen anderen Maßstab für Zeit? Auf jeden Fall strahlt so eine alte, stolze Linde oder ein schöner Felsbrocken eine ganz andere Ruhe aus, als jemand wie ich. Und trotzdem hat so ein 200 Jahre alter Baum einiges erlebt und viele Veränderungen gesehen. Ein Stein auf seiner Reise vom Felsbrocken in den Alpen bis zum Sandkorn am Strand noch wesentlich mehr. Was, wenn Bäume und Steine genauso lebendig sind wie wir? Was, wenn sie sich nur extrem langsamer bewegen? Wenn ein Wort, statt einer Sekunde aus dem menschlichen Mund, aus dem Mund eines Steines 100 Jahre lang braucht, bis es ausgesprochen ist?

Fest steht, dass unser Takt früher wesentlich mehr auf Mutter Natur abgestimmt war. Waren vor 200 Jahren noch Sonnenauf- und -untergang oder Sommer und Winter maßgeblich, kennen wir heute keine Grenzen mehr. Tag und Nacht? Wochenende? Besinnliche Winterzeit? All das gibt es heute nicht mehr. Wir wollen bzw. sollen 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche 110% Leistung bringen – auf der Arbeit, in der Freizeit, in der Familie. Und gleichzeitig nehmen die sogenannten „Zivilisationskrankheiten“ zu. Je weiter wir uns über die Natur stellen, desto schlechter fühlen wir uns. Und es fällt uns immer schwerer, die Geschwindigkeit heraus zu nehmen, wenn wir es könnten. Erschreckender Weise nicht nur hoch gestressten Topmanagern sondern bereits unseren Kindern!

Vielleicht liegt der Schlüssel für Gesundheit und Wohlbefinden ja in unserer natürlichen Geschwindigkeit? Unserem ganz eigenen Rhythmus, der von all den tickenden Sekundenzeigern, von den Mega- und Gigahertz-Takten, die uns wie der Trommelschlag auf einem Sklavenboot antreiben, vollkommen durcheinander gerät? Vielleicht hilft eine tägliche Portion bewusster Langsamkeit uns ja, wieder mit unserer Seele in Einklang zu kommen? Ich bin jedenfalls sicher, dass es uns nicht schaden wird, wenn wir hin und wieder versuchen uns auf die Natur einzuschwingen und kleine Inseln der Ruhe in unseren hektischen Alltag einzuflechten.

Eine schönes Hilfsmittel für den Einstieg in die Langsamkeit sind Wolken. Ja, Wolken. Wann haben Sie das letzte Mal einfach den Wolken zugeschaut? Nicht der bange Blick zur sich drohend aufplusternden Gewitterwolke, sondern entspannt in einer Wiese liegen und den Wölkchen beim Ziehen zuschauen! Wolken sind hervorragende Objekte für eine Achtsamkeits-Meditation. Und an einem windigen Tag natürlich auch viel leichter für den Anfang geeignet.

Doch Wolken sind keine starren Objekte, die von West nach Ost am Himmel vorbei ziehen. Nein Wolken verändern ständig ihre Form und ihr Aussehen, brodeln, türmen sich auf, verwischen, werfen Schatten, werden von Sonnenstrahlen durchbrochen… Und so kurz das Leben so einer Wolke sein mag, so intensiv und lebendig ist es. Um diese Bewegung wahrzunehmen, bedarf es schon einer gewissen Grundlangsamkeit – wir müssen uns einlassen auf die Geschwindigkeit am Himmel. Und genau dieses Einlassen, dieses „einen Gang herunter schalten“, tut uns schon enorm gut und bringt uns unserer natürlichen Geschwindigkeit wieder näher.

In diesen Zeitraffer-Aufnahmen werden die Wolkenbewegungen, der Herzschlag und das Atmen der Wolken sichtbar und leichter für uns erfassbar. Ich denke, damit sehen Sie sehr gut, was ich meine. Doch wenn Sie genau hinschauen, werden Sie diese Bewegungen auch am Himmel über Ihnen in Echtzeit wahrnehmen, nur eben ein bisschen langsamer. Besonders gut und leicht geht das bei Gewitterwolken, die sich höher und höher auftürmen, aber jede Wolke ist auf diese Weise lebendig – es ist nur eine Frage der Geschwindigkeit.

Nehmen Sie sich doch mal ein paar Minuten Zeit und beobachten Sie unseren Himmel. Lassen Sie Handy und andere Störquellen außen vor, achten Sie einfach nur auf die Wolken und versuchen Sie deren Bewegungen zu erkennen. Und nach ein paar Minuten „Skygazing“ werden Sie ganz sicher auch einen Unterschied bei Ihrer eigenen Geschwindigkeit wahrnehmen!

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